Mi 18 Jun 2008
Nach so langer Zeit, in der man sich dank Interrail-Ticket gemütlich in Züge setzen und einfach drauflos fahren konnte, mit einem festen Ziel vor Augen, das man im besten Fall dann auch zu einer vorgegebenen Zeit erreicht, ist es mal wieder spannend, sich an die Straße zu stellen, auf die Gutmütigkeit anderer Menschen zu hoffen und nicht zu wissen, wo man hinkommt und wie lange man dafür braucht. Bisher haben wir, chauvinistisch wie wir sind, ausschließlich Fahrer männlichen Geschlechts angesprochen, wenn wir an einer Raststätte standen und wurden, hielten wir den Daumen raus, auch nur von eben diesen mitgenommen. Das sollte sich an diesem Tag ändern: Kaum standen wir 10 Minuten mit bekrakeltem Schildchen “A7 - DE” am Europaweg in Groningen, der tatsächlich auf die A7 in Richtung Deutschland führt, hielt ein Wagen an, Besatzung: Mutter, vielleicht Anfang 40 und Tochter, geschätzte 16-17 Jahre alt. Da spielte sich der ein oder andere interessante Dialog ab…
Mutter, mahnend zu Tochter: “Wenn du in Kanada bist, fährst du aber nicht per Anhalter!”
Tochter, offenbar etwas peinlich berührt: “Grmhmjah” oder ähnlich.
Mutter, nach einer kurzen Pause: “Ich habe das ja früher auch gemacht.”
Tramper auf dem Rücksitz: “Ah, jo. Auch längere Strecken?”
Mutter, schelmisch: “Hehe, ja, auch längere, aber meine Mutter wusste natürlich nichts davon!”
Ob das ein versteckter Hinweis für die Tochter oder eher ein unbewusster Kunstfehler war, vermochten wir allerdings nicht einzuschätzen.
Mutter: “Ach ja, als wir euch da eben haben stehen sehen, da sagte meine Tochter direkt: ‘Och guck mal, da stehen Deutsche, die nehmen wir mit!’ Hihi!”
Tochter, vorwurfsvoll: “Das stimmt doch gar nicht! DU hast sofort gesagt ‘lass uns die mitnehmen’ und ich meinte dann nur noch: ‘Sind sogar Deutsche…’”
Mutter, ein wenig aus der Ruhe gebracht: “Hm, ja, kann sein.”
So ging es etwa eine halbe Stunde, bis wir am Rasthof am Grenzübergang standen, zu dem wir freundlicherweise gebracht wurden, obwohl er nicht auf dem Weg der beiden Damen lag, die eigentlich vorher hätten abfahren müssen. Voller Elan zogen wir also los, um einen weiteren Lift nach Bremen zu finden, schließlich lag unser ersonnenes Hauptziel für diesen Tag, Rotenburg (Wümme), recht abseits von der Autobahn zwischen Bremen und Hamburg. “Wer will denn nach Rotenburg (Wümme)?” mag sich der ein oder andere fragen, doch die Antwort liegt auf der Hand: Rotenburg (Wümme) liegt ganz in der Nähe von Scheeßel! “Soso, Scheeßel, was gibt es denn in Scheeßel?!” mag sich auch hier der ein oder andere fragen, doch die Antwort liegt ebenso auf der Hand: in Scheeßel gibt es das HURRICANE Festival, welches von den beiden Trampern von Tag 36 bis Tag 40 besucht werden soll! Außerdem wohnt in Rotenburg (Wümme) die Oma von Sören, die uns äußerst spontan angeboten hat, bei ihr im Garten zu zelten, damit wir nicht in eine Jugendherberge müssen.
Aber erstmal mussten wir dahin. Nach ganzen 3 Stunden an dem Rastplatz, die zäh wie eh und je vergingen und so einige Flüche ertragen mussten, hatten wir, kurz bevor wir in Resignation versanken, doch noch einen letzten Lift nach Bremen Nord. Zwei Arbeiter, die in Rotterdam irgendwas mit Löschaktionen auf irgendwelchen Schiffen zu tun haben und alle zehn Tage die Strecke pendeln. So ganz aufmerksam waren wir dann doch nicht mehr.
Mit dem Zug fuhren wir, unbeschreiblich müde, von Bremen aus eben nach Rotenburg (Wümme), wo wir das Haus von Sörens Oma nach einem kleinen Spaziergang kreuz und quer durch das Örtchen auch erreichten und herzlich empfangen wurden. “Ihr habt doch bestimmt Hunger!” hieß es da nur und schon saßen wir an einem reichlich gedeckten Tisch mit allerlei schmackhaften Nahrungsmitteln, die wir teils schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatten. Eine große Auswahl an Brot, Wurst und Schinken, Käse, Obst und Gemüse. Echt genial. Nachdem wir also erstaunlich gut gegessen und uns ein wenig über dies und das unterhalten hatten, wurden wir zu einem kleinen Gartenhäusschen geführt, in dem wir bequem nächtigen konnten, “müsst ja nicht in dem kleinen Zelt schlafen”, bekamen sogar einen Schlüssel, um ins Haus zu kommen und sollten schon eine Zeit fürs Frühstück nennen. Vielen Dank an Sören und Sörens Oma nochmal an dieser Stelle!